Gewalterleben in der Kindheit

Gewalterlebnisse können zu jedem biographischen Zeitpunkt gesundheitliche Auswirkungen herbeiführen. In Kindheit und Jugend erlebte Gewalt kann sich auf die gesamte weitere Lebensspanne auswirken und gesundheitliche Konsequenzen finden sich in allen Lebensbereichen.

Das Schaubild des amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention (CDC, 2019), das auf Studienergebnissen einer Langzeituntersuchung mit über 17.000 US-Bürgerinnen und Bürgern basiert, verdeutlicht, dass sich bereits pränatale Einflüsse (z.B. Partnergewalt in der Schwangerschaft, erhöhter Suchtmittelkonsum) schädigend auf die weitere Kindesentwicklung auswirken können.

Durch die kumulierende Wirkung belastender Ereignisse in Kindheit und Jugend werden chronische Erkrankungen, Einschränkungen und Behinderungen sowie weitere soziale Probleme begünstigt. Die durchschnittliche Lebenserwartung sinkt mit der Anzahl unterschiedlicher Kindheitsbelastungen um mehrere Jahre (Abbildung 1).

 

Abbildung 1: Die ACE-Pyramide, (CDC, 2019)

Eine deutsche Studie (Ruf-Leuschner, Roth, 2014) berichtet darüber, dass auch lang zurückliegende Gewalterfahrungen der Mutter die Gesundheit und Entwicklung ihrer Kinder negativ beeinflussen können. Demnach wirken solche Erlebnisse schädigend auf die neuronale Entwicklung des Kindes und begünstigen diverse Beeinträchtigungen im sozialen, emotionalen und kognitiven Bereich. Nach der Geburt erhöhen belastende Kindheitserlebnisse (wie z.B. Gewalterleben, Vernachlässigung, Substanzabhängigkeit mindestens eines Elternteils) die Gesundheitsrisiken im Lebensverlauf. Bereits für das Jugendalter sind Depression, erhöhte Suizidalität, Konzentrationsschwäche und eine höhere Beschwerdelast festzustellen. Eine reduzierte Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit bedingt schlechtere Schulleistungen, einen niedrigen Schulabschluss und stark eingeschränkte Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, die in der Folge zu gesundheitliche Belastungen führen oder diese verstärken.

Suchtprobleme gehören zu den häufigsten Folgen von früher erlebter Gewalt und Vernachlässigung (Schäfer et al., 2016; Hien et al., 2005). Neben Sucht als Folge von Gewalt, kann Sucht auch die Ursache für Gewalt sein. Hierbei sind der schädliche Gebrauch und die Abhängigkeit von Substanzen bei den Eltern eine der wichtigsten Ursachen für die erlebte Gewalt der Kinder. In Deutschland haben nach eigenen Angaben 18,2% der Männer und 13,5% der Frauen einen riskanten Alkoholkonsum über 24g/Tag (Männergesundheitsportal, 2018).

In der weiteren Lebensspanne kann eine Chronifizierung gesundheitlicher Beschwerden erfolgen: Kardiovaskuläre oder pulmonale Erkrankungen, Depression, Diabetes oder chronische Müdigkeit Erwachsener werden u.a. mit kindlicher Misshandlung in Verbindung gebracht (Hughes et al., 2017; Hamby et al., 2011; Felitti et al., 1998).

Literatur:

Centers of Disease Control and Prevention (CDC) (2019). The ACE Pyramid. Zugriff unter https://www.cdc.gov/violenceprevention/childabuseandneglect/acestudy/about.html

Ruf-Leuschner, M.; Roth, M.; Schauer, M. (2014): Traumatisierte Mütter – traumatisierte Kinder? Eine Untersuchung des transgenerationalen Zusammenhangs von Gewalterfahrungen und Traumafolgestörungen in Flüchtlingsfamilien, in: Zeitschrift für Psychiatrie Psychologie und Psychotherapie 43(1):1-16.

Hughes, K.; Bellis, MA.; Hardcastle, KA.; Sethi, D.; Butchart, A.; Mikton, C. et al. (2017): The effect of multiple adverse childhood experiences on health: systematic review and meta-analysis. The Lancet Public Health 2(8):e356-e366.

Schäfer, I.; Barnow, S.; Pawils, S., CANSAS Study Group (2016): Substanzbezogene Störungen als Ursache und als Folge früher Gewalt: Grundlagen, Therapie und Prävention im BMBF-Forschungsverbund CANSAS. Bundesgesundheitsblatt 59(1):35-43.

Hien, D.; Cohen, L.; Campbell, A. (2005): Is traumatic stress a vulnerability factor for women with substance use disorders? Clinical Psychology Review, 25(6): 813-823.

Männergesundheitsportal (2018): Faktenblatt zur Gesundheit von Männern: Zugriff unter: https://www.maennergesundheitsportal.de/service/daten-und-fakten/.

Stöckl, H.; Hertlein, L; Friese; K.; Stöckl, D. (2010): Partner, workplace and stranger abuse during pregnancy in Germany; Int. J. of Gyn. & Obstr., 111: 136 – 139.

Hamby, S.; Finelhor, D.; Turner, H.; Ommrod, R. (2011): Children’s Exposure o intimate Partner Violence and Other Family Violence. Juvenile Justice Bulletin Washington DC.

Felitti, VJ.; Anda, RF.; Nordenberg, D.; Williamson, DF.; Spitz, AM.; Edwards, V. et al. (1998). Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults. The Adverse Childhood Experience ACE Study. American Journal of Preventive Medicine, 14(4): 245-258.